Kritisiert ihr noch, oder nutzt ihr schon?

Es gibt einen sehr sehr schönen Text von Kathrin Passig zu den Standardsituationen der Technologiekritik. Den solltet ihr unbedingt im ganzen lesen. Als Amuse-Gueule habe ihn euch aber mal mundgerecht mit den besten Beispielen aufbereitet.  Er besagt, dass die Kritik an neuen Technologien immer dem gleichen Pfad folgt. Krass dabei auch, dass dieser Text schon von 2009 ist. Dem Jahr, in dem ich mich erst bei Facebook anmeldete. Okay – Let’s jump right in.

Argument 1: Wofür ist es gut?

Das erste, noch ganz reflexhafte Zusammenzucken ist das „What the hell is it good for?“ (Argument eins), mit dem der IBM-Ingenieur Robert Lloyd 1968 den Mikroprozessor willkommen hieß.

Argument 2: Wer will denn sowas?

„That’s an amazing invention“, lobte US-Präsident Rutherford B. Hayes 1876 das Telefon, „but who would ever want to use one of them?“

Argument 3: Das ist für Minderheiten.

In den neunziger Jahren hieß es vom Internet, es werde ausschließlich von weißen, überdurchschnittlich gebildeten Männern zwischen 18 und 45 genutzt. Mehr noch, es habe auch keine Chance, breitere Bevölkerungsschichten zu erreichen, denn „Frauen interessieren sich weniger für Computer und scheuen die unpersönliche Öde des Netzes. Im realen, nichtvirtuellen Leben sind Frauen aber die wichtigeren Käufer als Männer. Dem Internet fehlt daher eine maßgebende Käuferschicht.“

 Argument 4: Das geht vorbei.

„The horse is here to stay, but the automobile is only a novelty – a fad“, wurde Henry Fords Anwalt Horace Rackham vom Präsidenten seiner Bank in der Frage beraten, ob er in die Ford Motor Company investieren solle.

Argument 5: Das wird nichts ändern.

„Täuschen Sie sich nicht, durch (das Maschinengewehr) wird sich absolut nichts ändern“, wie der französische Generalstabschef im Jahr 1920 vor dem Parlament versicherte. Oder „Das Internet wird die Politik nicht verändern“ (taz, 2000).

Argument 6: Gut, aber nicht gut genug.

 Zum Beispiel kostet es Geld und wird immer teurer werden: „Wer das Internet regelmäßig nutzt, hat also trotz der preiswerten Verbindungen eine spürbar erhöhte Telefonrechnung. Die Kosten für den einzelnen User werden weiter steigen“ (Kühnert).

Argument 7: Schwächere als ich können damit nicht umgehen!

Der damals zweiundachtzigjährige Computerpionier Joseph Weizenbaum erklärte 2005: „Computer für Kinder – das macht Apfelmus aus Gehirnen.“ Medizinische oder psychologische Studien werden ins Feld geführt, die einen bestimmten Niedergang belegen und einen Zusammenhang mit der gerade die Gemüter erregenden Technologie postulieren.

Argument 8: Etikettefragen

Das Herumsitzen in Cafés mit aufgeklapptem Computer wird von Gastronomen nicht gern gesehen – es vermittle ein ungeselliges Bild und schmälere die Einkünfte –, während das öffentliche Herumsitzen mit Buch oder aufgeklappter Zeitung schon seit einiger Zeit keinen Anstoß mehr erregt. Unausgesprochen geht es letztlich darum, dass Gegner einer Neuerung nicht ungefragt mit ihr konfrontiert werden wollen.

Argument 9: Ändert die Denk-, Schreib- und Lesetechniken zum Schlechteren.

Die Postkarte galt Kritikern um 1870 als Sargnagel der Briefkultur. Die American Newspaper Publishers‘ Association diskutierte im Februar 1897 die Frage: „(Do typewriters) lower the literary grade of work done by reporters?“

Ihr Fazit

Es scheint derzeit etwa zehn bis fünfzehn Jahre zu dauern, bis eine Neuerung die vorhersehbare Kritik hinter sich gebracht hat. Die seit 1992 existierende SMS wird mittlerweile nur noch von extrem schlechtgelaunten Leserbriefschreibern für den Untergang der Sprache verantwortlich gemacht.

Mein Fazit

 Wenn es zum Zeitpunkt der Entstehung des Lebens schon Kulturkritiker gegeben hätte, hätten sie missmutig in ihre Magazine geschrieben: „Leben – what is it good for? Es ging doch bisher auch so.“

Triffts ziemlich. Warum sind wir Menschen nur so negativ? Vermutlich, weil wir egoistisch sind. Vermutlich ist es leicht, neue Technologien zu adaptieren, wenn sie einem selbst einen Vorteil geben, aber schwer, wenn seine Gewohnheiten ändern muss.

Meiner Meinung nach, ist das Diskutieren, egal ob über Technologien oder über die Existenzberechtigung des Dschungelcamps, unnütz. Technologien, die da sind, werden auch genutzt. So ist es mit der Kernkraft und so ist es mit der Gentechnik. Durch Diskutieren verschwinden diese Technologien doch auch nicht. Schlussendlich ist es ist nur die Frage, wie diese Technologien genutzt werden. Und ob man sie mitgestalten möchte.

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Veröffentlicht von Klaus Breyer

Hat Software Engineering studiert und 2010 die Social Media Agentur buddybrand mitgegründet. War dort bis 2015 als technischer Geschäftsführer / Chief Technology Officer verantwortlich für die Implementierung von Technologien und Innovationen im Marketing-Kosmos. Seit 2016 nun Mitgründer und CTO von BuzzBird, der #1 Plattfform für automatisiertes Influencer Marketing.

Immer auf der Suche nach Trends und technischen Herausforderung liegt der Fokus aktuell auf der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und Engagements als Business Angel. Kann auch als Freelance CTO und Berater gebucht werden.

1 Gedanke zu „Kritisiert ihr noch, oder nutzt ihr schon?“

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